Es passierte mir nicht zum ersten mal: Bei einer Veranstaltung komme ich mit einem Fremden ins Gespräch und irgendwann geht es los:
„Also für mich ist Gendern Vergewaltigung der Sprache.“
Und obwohl mich das gleich auf mehreren Ebenen triggert, habe ich mein Gegenüber erstmal gefragt, ob das jetzt wirklich ein Thema ist, über das wir uns unterhalten sollten. Gibt es nichts Wichtigeres?
Gab es nicht für ihn und dann verbrachten wir die nächsten 30 Minuten mit Kulturkampf in seiner reinsten Form.
Das Ergebnis war absehbar: Keiner bewegte sich auch nur einen Millimeter von seinem Standpunkt weg. (Obwohl ich natürlich Recht und die viel besseren Argumente hatte.)
Was keiner von uns damals ahnte: Es gab dann doch einen klaren Gewinner der Debatte. Und zwar die neurechte Bewegung.
Der Kulturkampf
Um das zu verstehen, müssen wir erst den Begriff „Kulturkampf“ erklären. Der Kulturkampf ist eine politische Strategie, die davon ausgeht, dass vor einem politischen Wandel erst ein kultureller Wandel stattfinden muss. Diese Strategie wird von allen politischen Spielarten angewendet, in den letzten Jahren waren die neurechten Bewegungen in Deutschland sehr erfolgreich darin, den Kulturkampf zur Vorbereitung der Machtübernahme einzusetzen. Mehr dazu erfährt man in einer aktuellen Folge des Deutschlandfunkpodcasts Systemfragen.
Und so ergibt sich der Gewinn für Rechts: Alleine dadurch, dass ich mich auf eine Diskussion über ein Kulturkampfthema eingelassen habe, wurde ich Teil der Strategie. Am Ende war keiner schlauer. In einer Zeit, in der es wichtiger ist denn je, dass wir zusammen halten, sahen wir nur noch das, was uns trennt.
Dabei haben die typischen Kulturkampfthemen eins gemeinsam: Sie sind erschreckend unwichtig. Ob Gendern, Regenbogenflaggen oder Transpersonen: nichts davon hat einen echten Einfluss auf das Leben der Empörten. Seine Wirkung entfaltet der Kulturkampf auf der emotionalen Ebene. Und da der Mensch kein rationales Wesen ist sondern ein gefühlsgebeutelter Wassersack ist, ist diese Strategie extrem erfolgreich.
Die gute Nachricht
Keiner muss beim Kulturkampf mitmachen. Strategien zum Umgang mit dieser perfiden Strategie der Neurechten zeigt Marina Weisbrand im Podcast Wind und Wurzeln im Gespräch mit Bernhard Pöksen auf.
Hier nur ein ganz kurzer Einblick:
- Zuhören. Und zwar richtig. Das ist nicht selbstverständlich, im Podcast erfahrt ihr, wieso das viel zu oft ein Problem ist.
- Nicht auf das Kulturkampfthema eingehen, vor allem nicht, wenn die Argumente rassistisch, antifeministisch oder anders arschig sind.
- Stattdessen die Diskussion auf eine tiefere Ebene lenken: warum denkt die andere so? Was ist ihre Motivation, was sind ihre Ängste und Bedürfnisse?
Das Ziel ist ausdrücklich NICHT, den anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen.
Stattdessen hören wir einander zu und versuchen Verständnis für die Sichtweise der Anderen zu entwickeln. Wir entwickeln erst Beziehungen bevor wir über die Sache streiten. Und aus Beziehungen entstehen Gemeinschaften. Und als Gemeinschaft können wir uns allen Krisen entgegen stellen.
So kann Zukunft gelingen.