KUBlog
Totalüberwachung durch KI
Der KI-Chatbot Gemini von Google kann als persönlicher Assistent verwendet werden.
Das Assistenzsystem Siri von Apple wird zum Beispiel in Kürze auf Basis von Gemini funktionieren.
Ein Assistenzsystem funktioniert umso besser, je mehr Informationen über den Nutzer zur Verfügung stehen. Gemini greift deswegen auf Fotos, Emails und andere persönliche Daten zu.
Das ist aber erst der Anfang. Eine neue Art von elektronischen Geräten ist darauf ausgelegt, das Leben ihrer Nutzer vollständig zu erfassen. Dazu gehören zum Beispiel smarte Brillen mit einer Vielzahl von Sensoren oder auch völlig neue Geräteklassen. Die Sammelbezeichnung für diese Geräteklasse ist Companion Tech.
Future technical systems will be companion systems, competent assistants that provide their functionality in a completely individualized way, adapting to a user’s capabilities, preferences, requirements, and current needs, and taking into account both the emotional state and the situation of the individual user.
Um die bestmögliche Assistenzleistung für einen Nutzer zu erbringen, werden diese Systeme alles aufzeichnen, abspeichern, verarbeiten und an die Hersteller senden, was passiert. Alles, was gesagt wird, was getan wird, wer es getan hat und wo es passiert ist. Das Leben wird digitalisiert, ausgewertet und verkauft.
Wem dieses Szenario als wünschenswertes Zukunftsszenario erscheint, für den habe ich gute Nachrichten: Das wird so kommen, und zwar sehr bald.
Ich persönlich möchte das nicht und werde wohl in nächster Zeit auf digitale Assistenten verzichten.
Wie Zukunft gelingt
Es passierte mir nicht zum ersten mal: Bei einer Veranstaltung komme ich mit einem Fremden ins Gespräch und irgendwann geht es los:
„Also für mich ist Gendern Vergewaltigung der Sprache.“
Und obwohl mich das gleich auf mehreren Ebenen triggert, habe ich mein Gegenüber erstmal gefragt, ob das jetzt wirklich ein Thema ist, über das wir uns unterhalten sollten. Gibt es nichts Wichtigeres?
Gab es nicht für ihn und dann verbrachten wir die nächsten 30 Minuten mit Kulturkampf in seiner reinsten Form.
Das Ergebnis war absehbar: Keiner bewegte sich auch nur einen Millimeter von seinem Standpunkt weg. (Obwohl ich natürlich Recht und die viel besseren Argumente hatte.)
Was keiner von uns damals ahnte: Es gab dann doch einen klaren Gewinner der Debatte. Und zwar die neurechte Bewegung.
Der Kulturkampf
Um das zu verstehen, müssen wir erst den Begriff „Kulturkampf“ erklären. Der Kulturkampf ist eine politische Strategie, die davon ausgeht, dass vor einem politischen Wandel erst ein kultureller Wandel stattfinden muss. Diese Strategie wird von allen politischen Spielarten angewendet, in den letzten Jahren waren die neurechten Bewegungen in Deutschland sehr erfolgreich darin, den Kulturkampf zur Vorbereitung der Machtübernahme einzusetzen. Mehr dazu erfährt man in einer aktuellen Folge des Deutschlandfunkpodcasts Systemfragen.
Und so ergibt sich der Gewinn für Rechts: Alleine dadurch, dass ich mich auf eine Diskussion über ein Kulturkampfthema eingelassen habe, wurde ich Teil der Strategie. Am Ende war keiner schlauer. In einer Zeit, in der es wichtiger ist denn je, dass wir zusammen halten, sahen wir nur noch das, was uns trennt.
Dabei haben die typischen Kulturkampfthemen eins gemeinsam: Sie sind erschreckend unwichtig. Ob Gendern, Regenbogenflaggen oder Transpersonen: nichts davon hat einen echten Einfluss auf das Leben der Empörten. Seine Wirkung entfaltet der Kulturkampf auf der emotionalen Ebene. Und da der Mensch kein rationales Wesen ist sondern ein gefühlsgebeutelter Wassersack ist, ist diese Strategie extrem erfolgreich.
Die gute Nachricht
Keiner muss beim Kulturkampf mitmachen. Strategien zum Umgang mit dieser perfiden Strategie der Neurechten zeigt Marina Weisbrand im Podcast Wind und Wurzeln im Gespräch mit Bernhard Pöksen auf.
Hier nur ein ganz kurzer Einblick:
- Zuhören. Und zwar richtig. Das ist nicht selbstverständlich, im Podcast erfahrt ihr, wieso das viel zu oft ein Problem ist.
- Nicht auf das Kulturkampfthema eingehen, vor allem nicht, wenn die Argumente rassistisch, antifeministisch oder anders arschig sind.
- Stattdessen die Diskussion auf eine tiefere Ebene lenken: warum denkt die andere so? Was ist ihre Motivation, was sind ihre Ängste und Bedürfnisse?
Das Ziel ist ausdrücklich NICHT, den anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen.
Stattdessen hören wir einander zu und versuchen Verständnis für die Sichtweise der Anderen zu entwickeln. Wir entwickeln erst Beziehungen bevor wir über die Sache streiten. Und aus Beziehungen entstehen Gemeinschaften. Und als Gemeinschaft können wir uns allen Krisen entgegen stellen.
So kann Zukunft gelingen.
Ein neuer Cartoon (im Dezember 2025)
Sind die Rentner schuld? Oder doch der Tapir? Ganz klares „Ja“. Auf beide Fragen. Mehr Details gibt es im neuen Tapircartoon.
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Wer für digitale Grundrechte ist (und wer dagegen)
Wir leben in einer komplexen Welt und der Einzelne hat oft nicht die Zeit, die Lust oder die mentale Kapazität sich in jedes Thema einzuarbeiten. Da kann es hilfreich sein, Experten zu vertrauen.
Was aber, wenn diese Experten nicht einer Meinung sind? Im Fall von politischen Entscheidungen kann die eigene Verortung im politischen Spektrum zur Orientierung genutzt werden. Wie positionieren sich Politiker, deren Lager oder deren Richtung ich mich zuordnen würde?
Im Fall des digitalen Omnibusses, bei dem digitale Bürgerrechte geschliffen werden sollen, gibt Anna Ströbele Romero für netzpolitik.org eine Übersicht zur Positionierung der politischen Akteure.
Während Sozialdemokraten, Grüne und Linke deutlich gegen das Vorhaben positioniert sind und auch Liberale Bedenken äußern, sehen Konservative einen Schritt in die richtige Richtung. Rechtsradikale und europakritische Parteien fordern einen noch weitergehenden Regulierungsabbau.
Keine Überraschung: Parteien im linken Spektrum sprechen sich für den Schutz der digitalen Bürgerrechte und gegen das maßlose Gewinnstreben von BigTech aus. Konservative, rechtsradikale und rechtsextremistische Parteien sind die Handlanger der Superreichen und opfern gerne die Rechte des kleinen Mannes in der Hoffnung darauf, dass sie Teil haben dürfen am Umlenken der Geldströme nach oben.
Die Spaltung der Gesellschaft (als Nebenerwerb)
Vor kurzem führte die Plattform X eine Funktion ein, die sichtbar machte, aus welchem Land heraus Accounts posteten. Stellt sich heraus: stark polarisierende Inhalte, die in den USA angezeigt werden, stammen oft aus ganz anderen Ländern.
Jason Koebler analysiert dieses Phänomen für 404media.
Die Ursache für die Beeinflussung der amerikanischen Gesellschaft durch ausländische Akteure ist nicht etwas die Lust an der Spaltung der Gesellschaft. Für Menschen in Pakistan ist es zum Beispiel einfach nur eine Möglichkeit, Geld zu verdienen.
Americans are being targeted because advertisers pay higher ad rates to reach American internet users, who are among the wealthiest in the world. In turn, social media companies pay more money if the people engaging with the content are American. This has created a system where it makes financial sense for people from the entire world to specifically target Americans with highly engaging, divisive content. It pays more.
Das Anreizsystem sind die Monetarisierungsprogramme der Plattformen: Polarisierende Inhalte klicken gut und was gut klickt wird dann auch gut entlohnt.
Koebler beschreibt auch, wie solche Inhalte heute mit gestohlenen Inhalten und sehr wenig Aufwand hergestellt werden können.
The guides to making this sort of thing focus entirely on how to make content quickly, easily, and using automated tools. They focus on how to steal content from news outlets, source things from other websites, and generate scripts using AI tools.
Wer in einem Teil dieser Welt mit weniger wirtschaftlichen Möglichkeiten wohnt, dem kann man keinen Vorwurf daraus machen, wenn er die Anreizsysteme und die Werkzeuge nutzt, um sich etwas dazu zu verdienen. Die Schuldigen sind die Plattformen, die ohne Rücksicht auf Verluste auch bereit sind ganze Gesellschaften kaputt zu machen, um ihre Gewinne zu maximieren.
Und dann… (kommt die Chatkontrolle doch noch)
In einem Blogbeitrag dokumentiert das Team von Mullvad die Geschichte (hinter) der Chatkontrolle.
Das fängt mit Ashton Kutcher an (ja, der Schauspieler) und geht ab da nicht weniger bizarr weiter. Auf der Reise kommen wir bei illegalem Microtargeting vorbei, verändern bei Bedarf die Zielsetzung und stimmen immer wieder ab. Immer in der Hoffnung, dass es doch irgendwann mal zu dem Ergebnis kommt, dass den sehnlich erwarteten Geldsegen für die Geschäftemacher hinter der Chatkontrolle auslöst.
Außerdem veröffentlicht Mullvad an dieser Stelle ein kurzes Video, das anschaulich macht, wohin der Weg geht: Was mit dem Kinderschutz anfängt wird so lange ausgeweitet, bis wir alle überwacht werden.