KUBlog
Die Spaltung der Gesellschaft (als Nebenerwerb)
Vor kurzem führte die Plattform X eine Funktion ein, die sichtbar machte, aus welchem Land heraus Accounts posteten. Stellt sich heraus: stark polarisierende Inhalte, die in den USA angezeigt werden, stammen oft aus ganz anderen Ländern.
Jason Koebler analysiert dieses Phänomen für 404media.
Die Ursache für die Beeinflussung der amerikanischen Gesellschaft durch ausländische Akteure ist nicht etwas die Lust an der Spaltung der Gesellschaft. Für Menschen in Pakistan ist es zum Beispiel einfach nur eine Möglichkeit, Geld zu verdienen.
Americans are being targeted because advertisers pay higher ad rates to reach American internet users, who are among the wealthiest in the world. In turn, social media companies pay more money if the people engaging with the content are American. This has created a system where it makes financial sense for people from the entire world to specifically target Americans with highly engaging, divisive content. It pays more.
Das Anreizsystem sind die Monetarisierungsprogramme der Plattformen: Polarisierende Inhalte klicken gut und was gut klickt wird dann auch gut entlohnt.
Koebler beschreibt auch, wie solche Inhalte heute mit gestohlenen Inhalten und sehr wenig Aufwand hergestellt werden können.
The guides to making this sort of thing focus entirely on how to make content quickly, easily, and using automated tools. They focus on how to steal content from news outlets, source things from other websites, and generate scripts using AI tools.
Wer in einem Teil dieser Welt mit weniger wirtschaftlichen Möglichkeiten wohnt, dem kann man keinen Vorwurf daraus machen, wenn er die Anreizsysteme und die Werkzeuge nutzt, um sich etwas dazu zu verdienen. Die Schuldigen sind die Plattformen, die ohne Rücksicht auf Verluste auch bereit sind ganze Gesellschaften kaputt zu machen, um ihre Gewinne zu maximieren.
Und dann… (kommt die Chatkontrolle doch noch)
In einem Blogbeitrag dokumentiert das Team von Mullvad die Geschichte (hinter) der Chatkontrolle.
Das fängt mit Ashton Kutcher an (ja, der Schauspieler) und geht ab da nicht weniger bizarr weiter. Auf der Reise kommen wir bei illegalem Microtargeting vorbei, verändern bei Bedarf die Zielsetzung und stimmen immer wieder ab. Immer in der Hoffnung, dass es doch irgendwann mal zu dem Ergebnis kommt, dass den sehnlich erwarteten Geldsegen für die Geschäftemacher hinter der Chatkontrolle auslöst.
Außerdem veröffentlicht Mullvad an dieser Stelle ein kurzes Video, das anschaulich macht, wohin der Weg geht: Was mit dem Kinderschutz anfängt wird so lange ausgeweitet, bis wir alle überwacht werden.
Betrug auf Facebook
Vor einigen Monaten machten Prominente wie Eckart von Hirschhausen oder Ranga Yogeshwar ihren Kampf gegen Fake-Anzeigen, die ihre Identität missbrauchen, publik.
Die Nachrichtenagentur Reuters ist in den Besitz von internen Dokumenten gekommen, die einen Einblick in den Umgang von Meta mit betrügerischen Anzeigen geben.
Hier einige pikante Details:
10 Prozent von Metas Gewinn stammten 2024 aus den Werbeerlösen von Betrugskampagnen
Meta internally projected late last year that it would earn about 10% of its overall annual revenue – or $16 billion – from running advertising for scams and banned goods, internal company documents show.
Für Werbeaufträge mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für Betrugsabsichten erhöht Facebook die Gebühren. Dies soll Betrüger abschrecken, erhöht aber Facebooks Gewinne.
If the company is less certain – but still believes the advertiser is a likely scammer – Meta charges higher ad rates as a penalty, according to the documents.
Nutzer, die einmal auf eine Betrugswerbung geklickt haben, sehen im Anschluss noch viel mehr davon. Das Wunder der personalisierten Werbung.
The documents further note that users who click on scam ads are likely to see more of them because of Meta’s ad-personalization system, which tries to deliver ads based on a user’s interests.
Meta ist sich bewusst, dass dieser Umgang mit Betrug am Nutzenden in vielen Regionen der Welt illegal ist. Da der Gewinn die zu erwarteten Strafen aber weit übersteigt, gibt es keinen Grund, mit dem Betrug aufzuhören.
In the meantime, Meta has internally acknowledged that regulatory fines for scam ads are certain, and anticipates penalties of up to $1 billion, according to one internal document. But those fines would be much smaller than Meta’s revenue from scam ads, a separate document from November 2024 states.
Fazit:
Metas primäres Ziel ist die Maximierung des eigenen Gewinns. Dafür nimmt die Firma auch Schäden für die eigenen Nutzer billigend in Kauf. Dabei geht es nicht um eine schlechte Benutzererfahrung oder den illegalen Verkauf der persönlichen Daten. Meta verdient prächtig daran mit, dass Menschen ihr Erspartes und ihre Altersvorsorge verlieren.
Ein neuer Cartoon (im November 2025)
Ist Wehrkraftzersetzung ein Hobby? Ist Blockwart ein Ausbildungsberuf? Im neuen Tapircartoon gibt es auf diese Fragen auch keine Antworten.
Lossagen (vom Algorithmus)
Ibrahim Diallo beschreibt in einem Beitrag eine Entwicklung, bei dem nicht mehr Nutzer entscheiden, welche Inhalte sie im Internet sehen wollen. Sie konsumieren zunehmend das, was die Algorithmen der BigTech-Oligarchen empfehlen.
On TikTok, you don’t surf the web. You don’t think of an idea and then research it. Instead, based entirely on your activity in the app, their proprietary algorithm decides what content will best suit you.
Fast alle Plattformen (aka „Social Media“) funktionieren inzwischen so. Durch die Integration von Chatbots könnten in Kürze auch Browser gezielt Inhalte anzeigen.
Imagine this for a second: You open your web browser. Instead of a search bar or a list of bookmarks, you’re greeted by an endless, vertically scrolling stream of content. Short videos, news snippets, product listings, and interactive demos. You don’t type anything, you just swipe what you don’t like and tap what you do. The algorithm learns, and soon it feels like the web is reading your mind.
Statt im Web zu surfen, wird Nutzern das Web serviert.
Der Beitrag endet mit Lösungsstrategien. Hier zuerst ein Punkt, dem ich nicht zustimme:
No, you don’t have to demand more from these platforms. You don’t have to vote for a politician.
Dem widerspreche ich: Es ist Aufgabe von Politikern, Bürger vor dem rücksichtslosen Gewinnstreben der BigTech-Oligarchen zu schützen.
Diallo setzt hingegen auf das Handeln des Einzelnen:
The very first thing to do is remember your own agency. You are in control of the web you see and use.
In diesem Punkt stimme ich vorbehaltlos mit ihm überein. Niemand muss digitale Produkte nutzen, die schädlich für den Einzelnen und die Gesellschaft sind.
Zum Stand der digitalen Bürgerrechte
Chatkontrolle
Die sogenannte Chatkontrolle, also die anlasslose Massenüberwachung aller EU-Bürger, hat erfreulich viel Aufsehen erregt und Widerspruch ausgelöst. In der Folge wurde die für den 14. Oktober geplante Abstimmung im EU-Rat auf unbestimmte Zeit verschoben.
Soll aber mal keiner glauben, dass sich die Sache damit erledigt hat. Die Betonung liegt auf „verschoben“. Bereits im Dezember könnten die Befürworter anlassloser Überwachung den nächsten Versuch starten, sagt Elina Eickstädt im Podcast Logbuch Netzpolitik.
Digitaler Omnibus
benfalls Thema im Podcast ist der digitale Omnibus. Dies ist die Bezeichnung für den Versuch, auf europäischer Ebene Regeln, welche die Rechte der Bürger gegenüber dem Gewinnstreben von Big-Tech stärken, abzuschwächen oder am besten ganz abzuschaffen.
Dabei handelt es sich um ein Einknicken der Europäer vor den USA. Thomas Lohninger sagt:
„Dieser Omnibus sieht schon sehr nach dem aus, was sich Donald Trump wünschen würde.“
Die Beschreibung der Zukunft fällt dementsprechend ernüchternd aus:
„Diese Gesetzgebungsperiode auf EU Ebene, die nächsten vier, fünf Jahre, stehen unter dem Zeichen schlimmeres abzuwenden und überhaupt nur zu verteidigen, was wir schon haben. Da geht’s nicht mehr um Zukunft gestalten. Da geht es eigentlich nur darum, nicht den Boden unter den Füßen weggezogen zu bekommen.“
Das Wegwerfen von dem, was Europa einzigartig macht, ist kein Standortvorteil.
Digital Fairness Act
In einem Blogbeitrag berichtet die NGO EDRi über den Stand beim Digital Fairness Act (DFA).
Die EU-Kommission überprüfte im „Digital Fairness Fitness Check“, ob die Bürger durch die bestehenden Gesetze (DMA, DSA, DSGVO, AI-Act) ausreichend gegen unfaire Praktiken der Anbieter digitaler Produkte und Dienstleistungen geschützt sind.
Ergebnis: Nein. Sind sie nicht.
Also so gar nicht.
Die Anbieter setzen im großen Stil Methoden zum Nachteil der Nutzer ein. Dazu zählen süchtig machendes Designs (z.B. infinite scroll), Dark Patterns (z.B. Verbergen von wichtigen Informationen) und unfaire Personalisierung (z.B. Surveillance Pricing)
The Digital Fairness Fitness Check estimated that unfair practices cause at least EUR 7.9 billion in consumer harm each year, excluding time loss and mental distress. Yet the true impact is far greater than financial loss. Manipulative and exploitative design directly infringes people’s rights, for instance to privacy, data protection, autonomy, equality, freedom of thought, and participation in public life. It shapes how people act and decide, reproduces structural discrimination, and entrenches dependency on platforms that profit from vulnerability.
Von der Gestaltung des DFA hängt ab, ob europäische Bürger weiterhin wie Vieh zur Schlachtbank der US-Monopolisten geführt werden, oder ob digitaler Verbraucherschutz ein wesentlicher Aspekt europäischer Lebensweise wird.
Die BigTech-Lobbyisten
Ein Stärkung digitaler Bürgerrechte setzt dem Gewinnstreben der großen Technologieunternehmen Grenzen. Das wollen diese sich nicht bieten lassen und stecken so viel Geld wie nie zuvor in Lobbyismus.
Felix Duffy berichtet für die NGO LobbyControl über die Lobbyausgaben der Digitalindustrie.
Ihre üppigen Lobby-Budgets hat die Digitalindustrie dafür genutzt, um mit Nachdruck für eine Deregulierung der EU-Digitalpolitik zu werben. Diese Lobbyoffensive scheint Wirkung zu zeigen. In jüngster Zeit fordern etwa mehrere politische Entscheidungsträger:innen, die Arbeiten am KI-Gesetz (AI Act) auszusetzen. Zugleich gibt es koordinierte Versuche, die Datenschutzrechte der Bürgerinnen nach der DSGVO zu schwächen. Auch der Digitale Märkte-Gesetz (DMA) und das Digitale Dienste-Gesetz (DSA) werden von den großen Tech-Konzernen fortlaufend angegriffen. Teils geschieht das sogar mit Unterstützung aus der Trump-Administration.
Fazit
Die Rechte der Bürgen gegenüber der Digitalindustrie wurde in den letzten Jahren durch eine Reihe von Gesetzen gestärkt. Diese Entwicklung versucht BigTech mit dem Einsatz ihrer quasi unbegrenzten finanziellen Mittel zu bremsen oder sogar zurück zu drehen.
Jeder Einzelne kann ein Zeichen gegen das Machtstreben der großen Technologien setzen, indem er zum Beispiel eine Suchmaschine nutzt, die keine Datenkrake ist. Diese persönlichen Entscheidungen haben aber wenig Einfluss auf das „Big Picture“.
Nur eine harte Regulierung und deren konsequente Durchsetzung kann dem maßlosen Gewinnstreben auf Kosten der europäischen Bürger Grenzen setzen. Die politischen Vertreter der EU müssen sich den Einflüsterungen der Lobbyisten entgegen stellen und die Rechte der europäischen Bürger verteidigen.
Das Engagement der Zivilgesellschaft beim Thema Chatkontrolle hat gezeigt, dass das Wachrütteln von Politikern Wirkung zeigt.
Wir bleiben dran.