KUBlog
Der Überwachungsstaat
Dem Staat sind (aus guten Gründen) sehr enge Grenzen bei der Überwachung der eigenen Bürger gesetzt. Auch für die Privatwirtschaft gelten Regeln, zum Beispiel verbietet die DSGVO die Sammlung von Daten ohne Einwilligung der Nutzer.
Jetzt müsst ihr ganz stark sein:
Die Privatwirtschaft hält sich nicht an die Regeln und sammelt auch ohne Zustimmung Nutzerdaten.
Na immerhin nehmen ja dann wenigstens die Gesetzeshüter Rücksicht auf die Privatsphäre der Bürger?
Tun sie nicht. Weil sie die Daten nicht selbst erheben dürfen, kaufen sie einfach bei den privatwirtschaftlichen Datensammlern. Ingo Dachwitz schreibt auf netzpolitik.org:
Auch die deutsche Polizei hat Daten aus dem Ökosystem der Online-Werbung für heimliche Überwachung genutzt. Vermutet worden war das schon länger, dank unserer neuen IFG-Recherche mit dem Bayerischen Rundfunk haben wir es erstmals Schwarz auf Weiß: Mindestens in Mecklenburg-Vorpommern ist es passiert. Vielleicht auch in Brandenburg, das dortige Landeskriminalamt will auch auf Nachfrage nicht sagen, auf welche Art kommerzieller Daten von Databrokern es zurückgreift.
Ach, dann ist das ja nur ein ostdeutsches Problem. Oder?
Neun LKAs verweigerten die Auskunft gleich ganz – unter Verweis auf den Schutz der Polizeiarbeit. Der Verdacht liegt nahe, dass sie etwas zu verbergen haben.
Und so wird Deutschland Schritt für Schritt zum Überwachungsstaat.
Dabei ist der Missbrauch von angeblich nur für Werbezwecke erhobenen Daten durch Polizeibehörden und Geheimdienste nur die neuste Stufe einer längeren Entwicklung: Die vermeintlich harmlose Welt der kommerziellen Datensammlung verschmilzt mit staatlicher Überwachung.
Ich werde nicht müde mich zu wiederholen: Die Wirtschaft schützt euch nicht und die Politik schützt euch auch nicht. Was bleibt ist die digitale Selbstverteidigung.
Warnung vor der Warnung (denkt denn niemand an die Kinder?)
Ich verweise immer wieder gerne auf Sturgeon’s Gesetz:
„90 Prozent von allem ist Mist.“
Die Internetvariante lautet:
„99 Prozent von allem ist Mist.“
Und natürlich die KI-Variante der Internetvariante:
„99,99 Prozent von allem ist Mist.“
Ganz klar: Der Untergang der menschlichen Zivilisation durch KI-Vermüllung steht unmittelbar bevor.
Ist das so?
Anshumani Ruddra stellt in einem Beitrag historische Momente zusammen, als das Schlimmste zu befürchten war.
400 v. Chr.: Sokrates stellt klar, dass das geschriebene Wort das Denkvermögen zerstören würde und nur einen „Anschein von Weisheit“ bedeute.
16. Jhdt.: Der Biologe Conrad Gessner beklagt die „verwirrende und schädliche Verbreitung von Büchern“ weil das viel zu viele Informationen für den menschlichen Geist seien.
19. Jhdt: Der Dichter Charles Baudelaire warnt vor der Fotografie, denn diese sei ein seelenloser, mechanischer Prozess im Gegensatz zu echter Kunst.
Ich füge gerne noch hinzu:
In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde Tausende von Jugendlichen durch Rockmusik in die Arme von Satanisten getrieben.
Und natürlich beklagen wir heute den Verlust von unzähligen Menschenleben durch Massenmorde von Jugendlichen, die zu viele Egoshooter gespielt haben.
Worauf ich hinaus will: Bullshit hat es schon immer gegeben und es wird ihn immer geben. Die Menge des Bullshits ist nicht der entscheidende Faktor. Vom lauten Geschrei der moralisch Empörten darf man sich nicht ablenken lassen.
Wichtig ist die Qualität des eigenen Bullshitdetektors und die Kuratierung einer soliden „media diet“. Und wer das hier liest, hat schon damit angefangen.
Das Gute an Trump
Ich war auch nicht glücklich, als die US-Amerikaner diesen Trump ein zweites mal gewählt haben. Und versteht mich nicht falsch: ist immer noch Kacke. Also für die US-Amerikaner.
Bei uns in Europa sieht die zweite Amtszeit des senilen Kleinkinds mehr und mehr wie ein Glücksfall aus. Der Krieg in der Straße von Epstein (ehemals: Straße von Hormuz) war für viele Leute ein Weckruf und das nächste Auto wird dann vielleicht doch kein Verbrenner mehr sein.
Und auch in der digitalen Sphäre haben viele endlich den Schuss gehört. Die Abhängigkeit von US-Dienstleistern wurde so lange nicht als Problem gesehen, wie die Amerikaner Druck und Nötigung nur verdeckt ausspielten. Dank Trump kann es jetzt niemand mehr nicht-sehen (nicht mal mit viel Mühe).
Die Franzosen gehen übrigens mit der wehenden Fahne der digitalen Souveränität voran und stellen mit Riesenschritten ihre gesamte öffentliche Verwaltung auf nicht-amerikanische Alternativen um.
Merz kriegt im Vergleich natürlich viel weniger auf die Reihe. Aber wenn man den Unfähigsten zum Kanzler macht, da kann man halt auch nicht mehr erwarten.
Hassrede auf Instagram und Co
Plattformen wie Instagram oder TikTok sind nicht nur der EU-Regulierung unterworfen (die nicht durchgesetzt wird), sie geben sich auch eigene Regeln (die sie nicht einhalten).
Denis Glismann berichtet für netzpolitik.org über Zahlen, die von der Beschwerdestelle Appeals Centre Europe veröffentlicht wurden.
Gemeldete Hassrede, die nach den eigenen Regeln nicht erlaubt sein sollten, lässt TikTok in 83 Prozent online, Instagram in 74 Prozent. Bei Facebook und Youtube sieht es nicht viel besser aus.
Aber es wird eben doch gelöscht. Blöderweise widersprachen allerdings mehr als die Hälfte der gelöschten Inhalte nicht den Regeln der Plattformen.
Wieso sind diese digitalen Dreckschleudern eigentlich in Europa immer noch nicht verboten?
Wider den Bullshit
Das Internet ist ein Meer aus Bullshit, Nutzer brauchen einen guten Bullshit-Detektor um den Müll links liegen zu lassen und gute Angebote zu finden.
Joan Westenberg formuliert in einem Beitrag die „Costco Theory“ des Internets.
Costco ist eine amerikanische Warenhauskette, die dafür bekannt ist, nicht so viele Artikel wie möglich anzubieten, sondern für die Kunden „vorzufiltern“. Durch das Herausfiltern von minderwertigen Artikeln wird dem Kunden zeitraubendes Vergleichen erspart und Entscheidungen vereinfacht.
Amazon bietet hingegen unendlich viele Artikel an. Auch hier findet eine Filterung durch die Platzierung von Artikeln auf den ersten Plätzen der Suchergebnisse statt. Nur ist Amazon kein verlässlicher Verkäufer, hier werden nicht die besten Artikel empfohlen, sondern die, mit denen Amazon den eigenen Profit maximiert.
Jeder kann heute Inhalte oder Waren im Internet anbieten. Entscheidend ist die Frage, ob man dem Anbieter vertrauen kann.
The test now is whether people can trust you to exclude.
Westenberg beschreibt die Eigenschaften einer vertrauenswürdigen Vorsortierung:
In practice that means you remove things, you simplify, you say no earlier than feels comfortable. You define what good actually means and then make the standard explicit enough that people can test you against it. You refund when you fail, cut the features that confuse the product, stop publishing when you’ve nothing worth saying, turn down the clients who’d drag the standard down, and refuse any form of scale that lowers the bar.
Die Zukunft des Internets geht in zwei Richtungen: Plattformen wie Facebook oder TikTok werden immer mehr zu Bullshitschleudern und sorgen dafür, dass sich ihre Nutzer mit ki-generierten, seelenlosen Inhalten betäuben können. Ein anderer Teil der Internetnutzer sucht sich vertrauenswürdige Anbieter und genießt die Vorteile des Premium-Internets.Warenhaus
Strafen gegen Google und Temu
Ich beschwere mich hier immer wieder, dass die EU-Gesetze, die unsere Rechte gegenüber BigTech stärken sollen, nicht durchgesetzt werden.
Endlich mal gute Nachrichten: Temu hat illegale Produkte verkauft und damit gegen das Gesetz über digitale Dienste (DSA) verstoßen. Strafe: 200 Millionen Euro.
Google bevorzugt bei den eigenen Suchergebnissen eigene Angebote und verstößt damit gegen das Gesetz über digitale Märkte (DMA). Voraussichtliche Strafe: 500 Millionen.
Michael Colin weist allerdings in einem Beitrag auf digitalrechte.de darauf hin, dass eine Strafe bis zu 30 Milliarden Euro für Google möglich gewesen wäre.
Wie genau die EU-Kommission nun auf einen „dreistelligen Millionenumsatz“ kommt, bleibt unklar. Im Zweifel zahlt Google den Betrag aus den Einnahmen, die das Unternehmen zulasten des fairen Wettbewerbs überhaupt erwirtschaften konnte – also quasi aus der Portokoasse.
Und dann kann ich mich auch sofort wieder beschweren, dass die EU-Gesetze, die unsere Rechte gegenüber BigTech stärken sollen, nicht durchgesetzt werden.