KUBlog
Woher wir kommen – wohin wir gehen
Cory Doctorow beschreibt die Phasen der Enshittification von BigTech-Angeboten wie folgt:
- Zuerst bieten die Unternehmen einen klaren Mehrwert für Nutzer
- Dann sperren sie Nutzer und Gewerbetreibende ein (wie schwer fällt es dir WhatsApp zu verlassen?)
- Dann verschlechtern sie die Dienstleistung mit dem Ziel so viel Geld wie möglich aus den Nutzern raus zu holen
In einem aktuellen Beitrag erläutert Doctorow die Abfolge am Beispiel Google Search.
Everyone dunks on Google for its high-minded motto, „Don’t be evil,“ but over the years, the company’s mission was far more important: „Organize the world’s information and make it universally accessible and useful.“ That was the pole star that googlers followed for the first couple decades of the company’s history
Google Search war mal ein ganz hervorragendes Produkt und erreichte unter anderem aufgrund der Qualität der Dienstleistung seine Monopolstellung. Aber Monopolstellung bedeutet eben auch Marktsättigung, ein weiteres Wachstum wird unmöglich. Ab da ging es dann bergab.
That was when Google started to panic over its plateauing search revenue, this being an inescapable consequence of 90%+ market-share. The ensuing power struggle pitted googlers who were committed to technical excellence against the company’s most ardent enshittifiers, who pointed out that by making search worse, they could increase revenues. After all, if you need to search two or three times to get the answers to your questions, that means the company can show you two or three times as many ads
Google hat erst die Ergebnisseite bis oben hin mit Werbung zugekleistert und dann die Suche schlechter gemacht, damit man öfter suchen muss und mehr Werbung angezeigt werden kann.
Wir kommen aus der Zeit technischer Exzellenz und befinden und seitdem auf dem Weg über Mittelmäßigkeit hinweg, direkt in Richtung digitalem Wertstoffhof.
Das betrifft auch andere Anbieter. Doctorow beschreibt die frühere Einstellung drei großer Unternehmen wie folgt:
A decade ago, tech had three major approaches:
I. Google’s: let you do anything you want, but spy on you while you do it;
II. Apple’s: strictly control what you can do, but leave you alone to do it in private; and
III. Facebook’s: control everything you do, spy on you from asshole to appetite.
Das hat sich seitdem verändert.
Today, tech is undergoing a form of carcinization, in which every company is turning into a Facebook-crab: maximally surveillant and maximally controlling.
BigTech-Unternehmen streben heute alle danach, euch bei maximaler Überwachung so wenig digitale Freiheit wie möglich zu erlauben. Ein Beispiel sind Ab-Blocker. Die verhindern Überwachung und verringern so die Kontrolle von BigTech über die Nutzer. Google hat aber so viel Kontrolle über die Menschen, dass die meisten Chrome verwenden, den Browser von… Google! Und was läge da näher, als die Nutzung von Ad-Blockern zu unterbinden?
Da zeigt sich, wie hart BigTech die Menschen kontrolliert. Es gibt Browser wie Firefox und Brave, welche die Privatsphäre ihrer Nutzer respektieren und Ad-Blocker uneingeschränkt zulassen. Aber die Leute benutzen weiter das schlechtere Produkt. Da sind wir also angekommen.
Google das Geschäftsmodell kaputt machen
Die Firma Alphabet hat gleich mehrere Monopole, z.B. Google als Suchmaschine oder Youtube als Videoplattform. Dazu kommt noch die größere Hälfte des Duopols bei mobilen Betriebssystemen mit Android.
Die EU hat mit dem Digital Markets Act ein Gesetz erlassen, dass die Chancen kleinerer Unternehmen gegenüber Monopolisten verbessern soll. Eine der konkreten Auflagen: Google Search soll die Datenbasis seiner Suchmaschine mit anderen Anbietern teilen.
Das findet Google nicht so toll, weil… das ja die Privatsphäre der Nutzer bedrohen würde!
Ryan Whitwam zitiert eine Google Sprecherin in einem Beitrag für arstechnica:
“If implemented as described today, I think within a short period of time on Android, we’d see a significant increase in fraud in the EU,” said Adkins, who noted these events could happen within weeks of pushing through the changes.
Da hätte sich die Sprecherin aber ein bisschen mehr Mühe geben können. Weil was sie sagt ist: Wenn wir eure persönlichen Daten haben und an Dritte verkaufen, dann ist das kein Problem. Aber wenn das jetzt jeder tun könnte – wo kommen wir denn da hin?
Google uses these techniques across services—search queries, location data, advertising profiles, app usage, and more. It’s all there in Google’s privacy terms, and we are regularly assured that the data is sufficiently anonymous that it’s no problem even when Google shares it with third parties of its choosing. But when the EU requires Google to give anonymized search data to its competitors, it’s suddenly an untenable privacy issue. Perhaps all of these anonymized data sets are a problem, whether they’re held by Google or not.
Wisst ihr, was das Problem beheben würde? Ein Verbot von personalisierter Werbung. Der Chaos Computer Club fordert:
Als Teil der digitalen Infrastruktur sollten sich Plattformen von der Überwachung Einzelner zu Vermarktungszwecken lösen. Alternative (z. B. kontextbasierte) Werbemodelle eröffnen Möglichkeiten, Menschen jenseits des allgegenwärtigen Trackings und Targetings zu erreichen und sie dadurch in Datenverarbeitungsprozessen zu schützen. Um alternative Werbemodelle zu stärken, sollte die neue EU-Kommission digitale Fairness ernst nehmen und ein Verbot von personalisierter Werbung auf den Weg bringen.
Altersverifikation ist Massenüberwachung
Unbestritten: Das Internet kann ein sehr problematischer Ort für Kinder sein. Um das zu ändern, gibt es verschiedene Methoden.
Methode 1: Wir machen das Internet zu einem weniger problematischen Ort FÜR ALLE. Dazu bräuchte es natürlich Gesetze. Moment, das haben wir doch schon. Der DSA versucht einige der dringendsten Probleme im Netz zu beheben. Dann müsste der DSA nur noch durchgesetzt werden. Das bedroht allerdings das Geschäftsmodell der US-BigTech-Unternehmen. Das ist den Verantwortlichen dann doch zu heikel.
Methode 2: Die Altersverifikation. Es klingt so einfach: Wenn Instagram und TikTok via (absolut unzuverlässigem) Gesichtsscan oder Identifikation über ein Ausweisdokument die Volljährigkeit eines Nutzers bestätigen, dann ist es voll ok, wenn dieser Enthauptungsvideos und Gewaltpornografie ausgespielt bekommt.
Falsch.
Methoden der Altersverifikation sind keine Werkzeuge um Kindern und Jugendlichen den Zugang zu bestimmten Inhalten zu sperren. Es sind stattdessen Werkzeuge, um Kindern und Jugendlichen die Verwendung von VPNs beizubringen.
Cory Doctorow schreibt dazu:
Those tech industry insiders are fully aware that an „age verification“ mandate is really a way for the government to teach every child how to use a VPN. They’re also fully aware that the next move is to ban VPNs.
Die Nutzung von VPNs ist der Werbeindustrie und den Überwachungsbehörden schon lange ein Dorn im Auge, da sie ein gewisses Maß an Anonymität beim Surfen gewährleisten. Der nächste Schritt ist dann die Feststellung, dass VPNs das Problem sind, also müssen VPNs verboten werden.
„Age verification“ means that everyone who does anything online will have to submit to fine-grained tracking and recording of all their online activities. This nightmare is the surveillance advertising industry’s fondest dream, a world where it’s literally illegal to avoid their tracking.
Es gibt zwei Modelle des Internets: Die chinesische Variante setzt auf Abschottung und Totalüberwachung. Der Rest der Welt nutzt ein offenes Internet mit all seinen Möglichkeiten und Gefahren. Solange wir beim Modell „offenes Netz“ bleiben, wird es trotz aller Maßnahmen immer irgendwo problematische Inhalte geben. Die Lösung dafür ist Methode 3.
Methode 3: Digitale Kompetenz für Eltern und Kinder.
Lisa M. Given schrieb 2024 in einem Beitrag:
Appropriate social media use requires critical thinking and digital literacy skills – not only for children, but for parents and other caregivers. Government investment in educating parents and other caregivers on social media tools and safety practices would ensure families are well equipped to navigate our ever-changing social media landscape.
Das würde aber voraussetzen, dass sich erstmal Eltern schlau machen und danach die richtigen Gespräche mit ihren Kindern führen würden. Also so etwas wie eine gute, zeitgemäße Erziehung. Aber das ist wahrscheinlich zu viel verlangt. Da ist Totalüberwachung dann wohl das wahrscheinlichere Szenario.
AfD kann verboten werden
Die Gesellschaft für Freiheitsrechte geht seit 2015 juristisch gegen die Einschränkung von Freiheitsrechten vor und konnte seitdem zahlreiche Erfolge im Kampf für den Rechtsstaat und gegen totalitäre Bestrebungen erringen.
Heute hat die GFF ein Gutachten vorgestellt, an dem sie ein Jahr lang gearbeitet haben. Das Ergebnis ist eindeutig: Die AfD ist nachweislich verfassungswidrig. Eine Überprüfung durch das Bundesverfassungsgericht würde ein Verbot der faschistischen Partei nach sich ziehen.
Würden die Ziele der Partei Realität, hätte das weitreichende Folgen: Der demokratische Wettbewerb würde erheblich beeinträchtigt, und es wären systematische Verletzungen der Menschenwürde zu erwarten.
Die Partei will ihre politischen Gegnerinnen strafrechtlich verfolgen. Und ihr Politikkonzept ist auf die Ausgrenzung, Verächtlichmachung und weitgehende rechtliche Abwertung von Ausländerinnen, Deutschen mit Migrationsgeschichte, Muslim*innen und weiteren gesellschaftlichen Gruppen gerichtet.
Warum das nicht passiert? Weil die drei Akteure (Bundestag, Bundesregierung und Bundesrat), die eine Prüfung beim Bundesverfassungsgericht beantragen könnten, es bisher nicht getan haben. Wer sich für eine Prüfung einsetzen will, der kann bei PRÜF mitmachen.
Aber wieso denn verbieten? Die kann man doch bestimmt mit guter Politik wegregieren? Tja, dazu müsste halt mal jemand gute Politik machen.
Alexander Dobrindt sagt, die AfD müsse man „wegregieren“. Er ist seit über einem Jahr an der Regierung. Und seit dem hat die AfD 6-7 Prozentpunkte hinzugewonnen. Also entweder hat er evident Unrecht oder er weiß offensichtlich nicht, wie man dies tut. Ob ihm diese Einsicht rechtzeitig kommt?
Das Zögern der Politik könnte natürlich auch damit zusammen hängen, dass die CxU die AfD braucht. Würde die AfD aus dem Bundestag fliegen, gäbe es eine linke Mehrheit im Parlament. Dann würde vielleicht endlich mal Politik für die Bürger statt für die Superreichen gemacht. Nicht auszudenken, wie das wohl wäre.
Lobby gegen Bürgerinteressen
Die EU plant mit dem sogenannten „digitalem Omnibus“ eine Überarbeitung der europäischen Digitalgesetze. Ingo Dachwitz ordnet das Vorhaben für netzpolitik.org ein:
Nach Analysen von Anti-Lobby-Organisationen stammen zahlreiche Vorschläge im Omnibus von dem Wunschzettel der großen US-Tech-Konzerne. Von „Vereinfachung” und „Bürokratieabbau” zu sprechen, lenke deshalb von der Realität ab, so Macher. „In Wirklichkeit erleben wir gerade den bislang größten Rückbau von Digitalrechten in der EU. Dieses Geschenk an Big-Tech-Unternehmen ist gleichzeitig ein Einknicken vor dem Druck der US-Regierung.“
In diesem Zuge sollten auch die allseits beliebten Cookie-Banner abgeschafft werden. Cookie-Banner sind kein Ergebnis der digitalen Gesetzgebung. Die Datenschutzgrundverordnung sieht ganz klar vor, dass Daten nur mit freiwilliger Zustimmung der Nutzer erhoben, verarbeitet und weiterverkauft werden dürfen. Beim Aufruf einer Webseite müsste die Frage lauten: „Wollen Sie überwacht werden?“
Selbst Nutzer, die sich der Risiken für die persönliche Sicherheit und dem demokratischen Miteinander durch Überwachung nicht bewusst sind, würden diese Frage in den allermeisten Fällen mit „Nein“ beantworten. Allerdings ist die Verarbeitung von und der Handel mit persönlichen Daten ein Milliardengeschäft, das will sich die Industrie nicht durch eine selbst bestimmte Entscheidung ihrer Melkkühe verderben lassen. In der Folge wurden Cookie-Banner erfunden.
Cookie-Banner sind ein sogenanntes „Dark Pattern“, ein manipulatives Bedienelement, dass den Nutzer dazu bringen soll, Entscheidungen gegen das eigene Interesse zu treffen. Mit allerlei Tricks verleiten Cookie Banner die Nutzer von Webseiten dazu, die eigenen Daten der Werbeindustrie zu überlassen.
Wie eingangs erwähnt, sollte dem Cookie-Banner-Wahnsinn eigentlich ein Ende gesetzt werden. Wie die NGO noyb (none of your business) in einem Beitrag darlegt, haben sich die Verantwortlichen inzwischen wohl dazu entschieden, gegen das Interesse der Bürger dem Geschäftsmodell der Datenhändler keine Grenzen zu setzen.
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die EU-Kommission will endlich die Cookie-Banner abschaffen, aber Google und einige EU-Mitgliedsstaaten wollen sie nun unbedingt behalten. Jahrzehntelang wurde sich über EU-Bürokratie beschwert, aber in Wirklichkeit fürchtet sich die Tracking-Industrie dermaßen vor einer Möglichkeit, dass Verbraucher:innen einfach ‚Nein‘ sagen können, dass nach etwas Lobbying alle umfallen. Es stellt sich wirklich die Frage ob von einigen Mitgliedsstaaten primär die Wähler:innen oder die Lobbyisten vertreten werden.
Geldmonopol
Die aktuelle Diskussion um digitale Unabhängigkeit dreht sich oft um Microsoftprodukte und die großen Plattformen. Dabei übersehen wir gerne wie oft wir im Alltag die Dienstleistungen der US-Monopolisten Visa und Mastercard nutzen.
The newfound attention on these modern price fixers demands that we take a fresh look at an old-school cartel that operates in plain sight, because the American economy is still grappling with the original gangsters of electronic collusion. Visa and Mastercard, along with their partners in crime, the card-issuing banks, wrote the book on how to fleece your customers via tight cooperation. This cozy setup between the payment networks and the big banks that dominate the card business underpins a payment system that is, compared to the rest of the world, grossly inefficient and costly.
Moderne Kartelle erfordern nicht mehr geheime Absprachen in verrauchten Hinterzimmern.
Modern coordination can emerge through platforms, algorithms, and network governance rather than through explicit agreements among competitors.
Die EU versucht dieses Monopol aufzubrechen. Der Digitale Euro kommt (frühestens 2029) als Alternative zu US-Kreditkarten und Paypal. Selbst dieses Datum ist nicht sicher, die bisherige Entwicklung hat gezeigt, dass die rechten und „konservativen“ Vertreter versuchen, die Einführung hinauszuzögern, um das Geschäftsmodell der Monopolisten so lang wie möglich aufrecht zu erhalten.
Wieder mal zeigt sich: Linke, Grüne und manchmal auch die liberalen Kräfte setzen sich für die Bürger ein, alles rechts von der Mitte versucht dem reichsten Teil der Gesellschaft immer noch mehr Geld zuzuschaufeln. Wer wählt diese Leute eigentlich noch?